Drei Sekunden

Der Mälaren liegt an diesem Morgen unter einer hauchdünnen Decke aus Nebel, als wolle der See noch einen Moment länger schlafen. Es ist die Stunde zwischen den Welten – zwischen der tiefen Stille der Nacht und dem ersten Puls des Tages.

Am Ufer liegt eine klare Kälte, die sich mit jedem Atemzug tief in der Lunge bemerkbar macht.

Dann geschieht es.

Ohne jedes Geräusch schiebt sich die Sonne über den Horizont. Ein schmaler Streifen Licht berührt das matte Weiß der gefrorenen Oberfläche. Die Bäume am Strandweg beginnen zu leuchten. Die Feuchtigkeit der Nacht ist an den Ästen zu Eis erstarrt, und im ersten Licht fangen sie an zu glitzern.

Jeder Zweig trägt einen feinen Saum aus Kristallen. Eine Schönheit, so still, dass sie fast zerbrechlich wirkt.

Ein Jogger läuft vorbei. Sein Atem zeichnet kleine Wolken in die Luft. Gewöhnlich gilt sein Blick dem Boden oder dem Takt der Uhr an seinem Handgelenk.

Doch heute hält er inne.

Drei Sekunden lang hebt er den Blick zu den gläsernen Baumkronen.

Mit einem leichten Lächeln setzt er seinen Lauf fort.

Der See bleibt still. Die Sonne steigt höher. Im Schnee entstehen neue Lichtpunkte, und unter dem Eis ist ein leises Knacken zu hören.

Es ist ein Morgen wie viele andere.
Und gerade deshalb leicht zu übersehen.

Manchmal reichen drei Sekunden,
um etwas ins Gleichgewicht zu bringen.

Vielleicht liegt genau dort
ein kleines Stück Glück.